“Das war eine Käseglocke”

5.000 JournalistInnen an der Ostsee: Der G8-Gipfel war auch ein großes Medienereignis. Jochen Lüttich und Wiebke Dierkes vom Freien Sender Radio Unerhört aus Marburg haben die Arbeit der Journalisten kritisch begleitet. Nicht alles ist dabei optimal gelaufen, finden sie. Wir haben die zwei interviewt. (Achtung: Eine gekürzte Fassung dieses Gespräches ist auch in der taz erschienen.)

Jochen Lüttich und Wiebke Dierkes

Dreadlocks, Sandalen, Träger-T-Shirt. Von dem Rest der Journalisten im G8-Pressezentrum in Kühlungsborn haben Sie sich deutlich unterschieden.

Jochen Lüttich: Klar sind wir hier und da mal beäugt worden. Vor allem in Heiligendamm waren wir alles andere als overdressed. Alle anderen Journalisten waren da in Anzügen und super chic gekleidet.

Sie sind als Mitarbeiter eines kleinen freien Radiosenders beim G8-Gipfel dabei gewesen. Worauf haben Sie sich bei der Berichterstattung konzentriert?

Wiebke Dierkes: Wir wollten hauptsächlich herausfinden, wie die Journalisten hier vor Ort arbeiten. Dafür haben wir mit vielen Kollegen gesprochen, auch wenn uns das nicht leicht gefallen ist.

Warum? Sind doch nur Journalisten?

Dierkes: Es war gar nicht so leicht auszuwählen, wen wir ansprechen sollten. Wir haben dann gleich selbst so komische Kriterien entwickelt. Sieht der nett aus? Redet die mit uns? Was hat die an? Absurd.

Sie haben drei Tage die Presse bei der Arbeit beobachtet. Haben die Kollegen ihren Job gut gemacht?

Dierkes: Ich fand sehr auffällig, dass sich die Journalisten zum Teil nur aus den Quellen bedienen, die die Leute draußen auch bekommen. Die standen vor den Bildschirmen im Pressezentrum und haben die O-Töne und die Bilder abgegriffen. Außerdem hatten alle akkreditierten Journalisten die ganze Zeit über freien Zugriff auf die Meldungen der Nachrichtenagentur dpa. Ich glaube nicht, dass alle die paar Kilometer nach Heiligendamm gefahren sind, um sich selbst ein Bild vor Ort zu machen. Hier wurde Material übernommen ohne es gegen zu prüfen. Das finde ich schon bedenklich.

Journalisten vor den Bildschirmen

Wie haben Sie sich das denn vorgestellt? Dass knapp 5.000 Journalisten gleichzeitig zu den Pressekonferenzen laufen…

Dierkes: Nein, das nicht. In meinen Augen war das aber so eine Art Event-Tourismus, den viele Journalisten betrieben haben. Das finde ich albern, denn letztendlich macht das das Ereignis viel wichtiger, als es tatsächlich ist. Diese ganze Fixierung auf die Personen der G8, auf das Familienfoto, auf die Fotos vom Aperitif: Das ist doch absurd. Es gibt spannendere und viel wichtigere Themen, über die man eigentlich hätte berichten können. Ich hatte ständig den Eindruck, das ganze Pressezentrum, sei eine riesige Käseglocke. Wenn man nicht mitbekommen will, was draußen passiert und sich damit zufrieden gibt, was man reingereicht bekommt, dann kann man hier auch ganz normalen Standardjournalismus machen.

Lüttich: Ich finde es auch bezeichnend, was für ein Aufwand betrieben wurde. Man kommt hier als Journalist her und wird in einem Vier-Sterne-Hotel mit Vollpension verpflegt, hat einen Privat-Strand und wird ständig mit Kaffee und Essen umgarnt. Das könnte man hier auch als Luxusurlaub mitnehmen.

Hattet Sie das Gefühl, das manche Journalisten diese Vornehmlichkeiten auch ausnützen?

Lüttich: Nicht wirklich. Aber es war wie gesagt: Schon auffällig, dass manche Leute den Weg von Kühlungsborn nach Heiligendamm nicht auf sich genommen haben. Vielleicht war das denen zu unbequem. Die größten Anehmlichkeiten für Journalisten gab es schließlich in Kühlungsborn.

Fernsehjournalisten

Vor dem Pressezentrum: Bühne für TV-Journalisten

Sie waren praktisch Grenzgänger. Bekannte von Ihnen haben auf den Feldern vor Heiligendamm gegen den Gipfel demonstriert und Sie sind als Berichterstatter auf der anderen Seite des Zauns gewesen. Sind Sie da nicht manchmal mit sich selbst in Konflikt geraten?

Dierkes: Ich muss gestehen, dass es mir leichter gefallen ist über die eigenen Leute zu berichten. Allein schon deshalb, weil ich weiß welche Fragen ich stellen muss. Ich bin da einfach näher dran.

Lüttich: Am letzten Tag gab es direkt vor dem Pressezentrum noch einmal eine Protestaktion der Clowns-Armee. Ein paar Leute sind dabei auch in Gewahrsam genommen worden. Diese Situation war besonders blöd. Wir kannten einen von den Leuten, die da abgeführt wurden. Wir standen also durchaus immer wieder vor Bekannten.

Dierkes: Bei der Demo vor dem Pressezentrum hab ich mich auch ziemlich aufgeregt. Wir wollten mit den Leuten sprechen, die da in Gewahrsam genommen wurden. Aber wir wurden von der Polizei abgewiesen. Genauso wie ein ARD-Team, das neben uns stand. Ich wollte dabei bleiben um aufzupassen, dass den Leuten nichts passiert und um Aufnahmen zu haben, falls etwas passiert. Außerdem wollte ich mich mit diesen Leuten solidarisch zeigen. Aber der ARD-Mensch wollte unbedingt jetzt mit den Demonstranten sprechen, nicht später. ‚Wenn diese Maßnahme vorbei ist, ist es ja langweilig’, hat er gesagt. Dem ging es überhaupt nicht um die Menschen und die Inhalte, dem ging es nur um die Bilder. Und das ist genau die Art Journalismus, die immer solche Proteste bestimmt und die ich echt satt habe.

Warum? Solche Bilder gehen schließlich auch um die Welt. Vielleicht transportieren sie sogar das Anliegen der Demonstranten.

Dierkes: Das glaube ich nicht.

Wie macht man es dann besser?

Dierkes: Den besten Journalismus macht man eigentlich am besten selber. Jeder kann mehr oder weniger aufschreiben was er gesehen hat. Das machen Journalisten auch nicht anders. Und ich weiß immer noch am besten wo irgendetwas passiert und wie ich das zu beurteilen habe. Sobald ich eine Zwischeninstanz habe, wie zum Beispiel eine Agentur oder einen Journalisten, dann droht alles zu versickern.

Bleibt da nicht der Leser auf Strecke? Der müsste sich dann ja aus zahlreichen unterschiedlichen Quellen informieren. In einer Zeitung habe ich alle Quellen schön aufbereitet in einem Text stehen.

Dierkes: Ja, aber im klassischen Journalismus fehlt auch was. Das wird oft vergessen. Das Problem ist ja, dass die Presse als Wahrheit gilt. Aber es ist nicht die Wahrheit. Es ist nur die Sichtweise von Journalisten, die auch Sachen weglassen. Soviel Vertrauen habe ich aber in die mündigen Rezipienten, dass sie das auf dem Schirm haben und entsprechend lernen mit Information umzugehen.

Lüttich: Viele hauptamtliche Journalisten haben auch beim Gipfel wichtige Themen einfach ignoriert. Zahlreiche NGOs hatte Info-Zettel auf den Tischen im Pressezentrum verteilt. Jeder Journalist hätte die Möglichkeit gehabt, sich zu informieren und kritische Fragen zu stellen. Stattdessen wurde gefragt, warum sich die G8 nicht vergrößern. Das ist für mich kein kritischer Journalismus. Im Endeffekt hat die Abschluss-Pressekonferenz gezeigt, dass die Proteste jetzt vorbei sind und deren Inhalte nicht mehr für die Presse interessant sind.

Jochen Lüttich, 29, und Wiebke Dierkes, 25, arbeiten seit 2002 als freie Journalisten für Radio Unerhört in Marburg

 
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6 Responses to ““Das war eine Käseglocke””

  1. blogdoch.net — jetzt wird zurückgeblogt - Nach dem Gipfel … Says:

    […] … (0) Montag, Juni 11, 2007, 00:08 - G8, Medien … kommt die Nachlese. Hier z. B. vom Gipfelblog, welches zwei Pressevertreter von Radio Unerhört Marburg¹ interviewte. Sehr interessant fand ich […]

  2. Jan Says:

    Ein tolles Interview und schön, dass Ihr auch mal diese Perspektive darstellt. Gefällt mir sehr gut!

  3. /teuchtlurm/blog Says:

    Journalisten beobachten Journalisten…

    Ein Interview mit zwei “etwas anderen” Journalisten gibt’s beim Gipfelblog.
    Ich fand sehr auffällig, dass sich die Journalisten zum Teil nur aus den Quellen bedienen, die die Leute draußen auch bekommen. Die standen vor den …

  4. Philipp Dudek Says:

    Auch ein Kollege von epd medien war vor Ort und beschreibt, wie das so war im Pressezentrum, allein - ohne Infos - am Meer… http://www.epd.de/medien/medien_index_50343.html

  5. Reisen Polen Says:

    Reisen Polen…

    ….

  6. Nach dem Gipfel … | blogdoch reloaded Says:

    […] kommt die Nachlese. Hier z. B. vom Gipfelblog, welches zwei Pressevertreter von Radio Unerhört Marburg¹ interviewte. Sehr interessant fand ich […]

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